HALBERSTADT
Vergangenheit
Hiermit wollen wir unser neuestes Gemeinschaftsprojekt, die VEB Wohnfabrik GmbH, vorstellen und erklären was es damit auf sich hat.
Um unsere Idee und deren Schwerpunkte richtig verstehen zu können, müssen wir die nahe Vergangenheit mit einbeziehen. Denn angefangen hat es mit dem Frust über die eigene Wohnsituation hier in Halberstadt...

Will der junge Mensch sich von seinem Elternhaus trennen, muss er sich eine eigene Wohnung mieten, allein oder mit Mehreren. Was der Masse wahrscheinlich gefällt, war uns zu eng und zu teuer. Denn der Kontakt mit vielen, anderen Menschen liegt in seiner Natur, Miete zahlen ganz sicherlich nicht. Und deshalb nahmen wir die Tradition der guten, alten Hausbesetzung auf.
In der Mitte des Jahres 1998 schlossen sich die ersten drei Leute zusammen, renovierten dann einige Räume des seit Anfang der 90`er Jahre durchgängig besetzten Hauses im Steinhof 2. Kurze Zeit darauf, erhielten wir unseren ersten Neuzugang und damit war die Stammbesetzung komplett.
Von Anfang an verfolgten wir zwei Ziele: harmonisch und im Konsens zusammen zu leben und das ohne Gruppenzwang und ellenlangem Regelkatalog. Das funktionierte nahezu perfekt, ein sehr angenehmer Beweis entgegen der allgemein verbreiteten Regel.
Das wir heute nicht mehr dort wohnen hat Gründe: kein Strom, kein Wasser, desolate Bausubstanz, unsichere Eigentumsverhältnisse, Wegzug.
Das dies nicht das Ende der Geschichte ist, ist auf Hartnäckigkeit zurückzuführen. Natürlich gab es auch Probleme und so ein Zusammenleben ist auch nicht gerade stressfrei. Demzufolge war zum Ende hin eine allgemeine Reserviertheit gegenüber einem Neuanfang vorhanden.
Aber ein gute Idee besitzt ihre eigene Ausstrahlung und Anziehungskraft. Denn je länger wir einzeln bei unseren Eltern oder in den eigenen Wohnungen hausten, umso stärker wurde der Wunsch wieder zusammen zu leben. Somit haben wir beschlossen, die Gemeinschaft auf einer komplizierteren Ebene fortzuführen: Wir kaufen uns ein Haus!

Wenn die Chance auf eine erfolgreiche Hausbesetzung bestünde, wäre dies natürlich unsere erste Wahl gewesen - aber die Realität erlaubt es uns nicht. Eigentum fördert aber im allgemeinen Neid und Egoismus untereinander. Das Schicksal eines Großteils der Berliner Hausbesetzerszene, die sich heute um ihre Eigentumsrechte zerfleischen, sollte allen eine deutliche Warnung sein.
Und um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, in solchen Kategorien wie Meins und Deins zu denken, arbeiten wir in Kooperation mit dem Freiburger Mietshaussyndikat. Denn die haben eine geniale Idee entwickelt: der Besitz eines Hauses ist nicht mehr individuell abhängig, sondern wird gemeinschaftlich geregelt und festgeschrieben.
Konkret bedeutet dies, daß es jeweils zwei Gesellschafter gibt, die sich wirkungsvoll bei solch heiklen Themen, wie Hausverkauf und dauerhaft ausgestellter Pacht und Mietverträgen, blockieren würden. Eigentum wird neutralisiert!
Gegenwart

Wir haben zuerst mit der Mietshaussyndikat GmbH aus Freiburg, die VEB Wohnfabrik GmbH gegründet.
Zuvor sind wir "Klinkenputzen" gegangen, und haben wenig Hilfe bei den bekannten Quellen bekommen. Dafür jedoch umso mehr Unterstützung und positives Feedback von unseren Familien, Freunden und Sympathisanten.
Das Stammkapital ist zugleich unser Startkapital. Dabei verzichteten wir bewusst auf finanzielle Hilfen seitens der Stadt, des Landes und auch der Banken, da wir eine zu starke Abhängigkeit befürchteten. Darüber soll jeder denken wie er möchte, wir wollen verhindern, daß wir für etwaige Dienste besondere ?Gefälligkeiten? leisten müssen.
Am 04.03.03, endlich - nach fast zwei Jahren Gerede, Verhandeln, Behördentortur und geduldigen Wartens - haben wir den Kaufvertrag für das Haus unterschrieben. Nun müssen wir noch ein ?wenig? länger warten, damit der Übergang auch ins Grundbuch eingetragen wird - wir hoffen so schnell als möglich.


Zukunft

Sicherlich werden wir sehr lange mit dem Ausbau und der Renovierung unseres Hauses zu tun haben. Zudem sind die äußeren Rahmenbedingungen schwieriger geworden, wir werden uns behaupten müssen.
Auch engagieren sich dieses Mal wesentlich mehr Menschen in diesem Projekt, das verspricht noch interessanter zu werden, aber auch komplizierter. Daher stellt sich von selbst die Frage, was wir bewirken, welche Akzente wir setzen wollen.
Zum einen besitzen viele einen politischen Anspruch. Das bedeutet, daß unser alltägliches Leben und unser politisches Engagement eine Einheit bilden. Ein Ziel könnte es sein, zusammen zu leben, und diese Form und deren Inhalte auch nach außen hin als ein alternatives Beispiel von Lebenskultur aufzuzeigen.
Soweit man von Generationen sprechen kann, gilt es, diese harmonisch unter einem Dach zu einer Gemeinschaft zusammen zu fassen, wobei jedem sein individueller Freiraum garantiert bleiben soll! Da wir durch eine egoistische und konsumorientierte Gesellschaft geprägt worden sind, werden wir durch den bloßen Einzug in das Haus nicht gleich bessere Menschen. Es wird natürlich gerade durch die erheblichen Unterschiede in der Persönlichkeit der Bewohner auch mehr oder minder große Diskrepanzen geben. Deshalb wäre es zu wünschen, daß solche Prinzipien wie Ehrlichkeit, Gleichberechtigung, Toleranz und Hilfsbereitschaft, von allen als eine gemeinsame und freiwillige Übereinkunft akzeptiert werden würde. Dies sollen aber keine verbindlichen Gesetze sein, da wir autoritäre Strukturen als Mittel ablehnen und nur die freie Übereinkunft als echte Basis des Zusammenlebens akzeptieren können.

Da zu dieser Zeit unabhängige und selbstverwaltete Projekte und Initiativen regional und überregional selten geworden sind und zudem mit schwierigen Rahmenbedingungen gekämpft werden muss, bedeutet uns Solidarität und engere Zusammenarbeit auch in Zukunft sehr viel. Speziell für unsere Region bedeutet dieses, daß wir uns direkt und indirekt am Aufbau und Erhalt neuer Projekte und Initiativen beteiligen werden.